"Tal des Paradieses" - Kaschmir
Am 5.11. um 2.00 Uhr früh startet Jakob mit Riazad Ali in einem kleinen roten Lieferwagen von Lahore auf der alten GT Road, auf der schon Alexander der Grosse wandelte, nach Islamabad, voll gepackt mit Decken, Socken, Zelten. Gefolgt von einem blauen Minibus mit dem Rest des Teams an Bord: Brigitte, Andreas und Rashida Raza, der im Morgengrauen auf der Autobahn seine Kurven durch die Ebenen des Punjab zieht. Ein Reifen Platzer und die Änderung der geplanten Strecke über das atomare Testgebiet -Kahuta, die zwar kurz, aber für Ausländer gesperrt ist, zwingt zu einer langen Route. Wir begeben uns zusammen mit Sardar Isaak, Jurist und ein Bekannter von Rashida, der unser Koordinator wird, in den Süden von Azad Kashmir, in eine Region sanfter Hügelketten, der zarte Beginn des Himalaya, mit Mischwäldern, deren Pappeln in gelbem Blätterkleid strahlenden Herbst künden. Nach sieben Stunden Fahrtzeit erreichen wir in der Nacht den Distrikt und die Stadt Rawlakot, dem südlichsten vom Erdbeben betroffenem Gebiet. Dort wollen wir unsere SOS Kontaktperson Herrn Sardar Javed Ibrahim treffen. Von ihm erhoffen wir uns genaue Details über dringende und aktuelle Hilfe. Javed arbeitet als Ingenieur und Koordinator direkt für private Relief-Programme und entwickelte eine winterfeste Behausung, eine Konstruktion aus Wellblechzelt mit Holzgerüst, das aufgrund des Designs und praktischer Überlegungen sinnvoll erscheint und uns sofort überzeugt. Wir besprechen die Situation in Bagh mit Sardar Isaak, der aus einem Dorf namens Birpani mit ungefähr 8000 Einwohnern kommt.
Bagh ist so wie Rawlakot Stadt und Distrikt (Bezirk) gleichzeitig, und zusammen mit dem Bezirken Muzafarabad in Kashmir, sowie Mansera und Balakot in North West Frontier Province am meisten betroffen. In jeder Familie gibt es Opfer, vor allem SchülerInnen und College-StudentInnen, allein in der Stadt Bagh über ein Tausend. Viele beteuern, dass auch einige Tausend Militärs im Erdbeben ihr Leben verloren haben.
Die genaue Zahl werden wir wohl nie erfahren…
Am nächsten Morgen brechen wir mit Sardar Isaak in Richtung seines Dorfes auf. Den Bezirk Bagh und Rawlakot trennt ein Fluss und im Laufe der eineinhalbstündigen Fahrt sehen wir immer mehr zerstörte Häuser, Menschen die Schutt sortieren oder Tee trinkend vor ihren Notdürftig errichteten Zelten sitzen und warten; die sich aus der Ferne auf den ersten Blick in die friedliche wunderbare Herbstlandschaft einfügen. Erst auf den zweiten Blick registrieren wir verwirrt und bestürzt die Spuren der Katastrophe: die Zelte und Notbehausungen sind verschiedene Formen in unterschiedlichen Farben neben Trümmern in Brauntönen aus Steinen, Lehm, Holz, Wellblech, übereinander, ineinander, aufeinander gekeilt, gepresst, aus allen Fugen geratenes Chaos. Wir begegnen Frauen, die Wasserkanister auf ihren Köpfen in ein improvisiertes Nachhause tragen und Jeeps, die ganze Familien mit ihren Habseligkeiten in Richtung Rawalpindi transportieren. Am Wegrand kauern Männer mit Wollmützen und Chaders (breite Wollschals), rauchend, wartend, diskutierend.
Einige erzählen uns von einem grausigen grollenden Geräusch vor dem Beben und einer Art Sturm. Die Strasse schmiegt sich an die Hügelkuppen, steigt höher, wir fahren ins nächste Tal, überqueren einen Flusslauf. Nur mühsam kommen wir voran, es gab viele Steinschläge, Erdrutsche aufgrund des Bebens, von denen die Steinhaufen und die schlechte Strasse zeugen. In der Stadt Bagh treffen wir den Ex-Erziehungsminister der Region, der uns von den momentanen Schwierigkeiten und den vergangenen Wochen berichtet: Das größte Problem sieht er in der Motivation der traumatisierten Kashmiris, Eigeninitiative zu ergreifen, um einen Winter mit bis zu vier Meter hohem Schnee überstehen zu können. Viele leben so knapp vor dem Winter noch immer in Zelten und hoffen auf Hilfe von außen. Es mangelt vor allem an Koordination der zahlreichen ausländischen und pakistanischen NGOs, sowie zum Teil der Islamischen Gruppen und des Pakistanischen Militärs, die seit Mitte Oktober von hier aus agieren.
Nach den ersten drei Wochen nach dem Beben von 8. Oktober, die vor allem von Erstversorgung und der Bergung von Überlebenden und Toten geprägt waren , gilt es jetzt, das Trauma zu überwinden und durch konkrete Ziele durch Aufräumarbeiten und dringenden konkreten Wintervorbereitungen Zukunftsperspektiven, sowie Selbstrespekt und Selbstvertrauen zu entwickeln. Essen und Kleidung ist gesichert, aber aufgrund der Unzugänglichkeit des Gebiets (vielleicht am ehestens vergleichbar mit den extremsten Bergbauern in Südtirol vor 30 Jahren im Eggental oder Ulten), geht der Bau von winterfesten Shelters nur Mühsam voran.
Brigitte Hochrainer |
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