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8 Tage Azad Kaschmir
Noch habe ich vieles nicht verarbeitet, noch
scheint manches zu nahe, um darueber schreiben
zu koennen und trotzdem moechte ich es versuchen.
Manchmal erscheinen Sanam, Sunduz, Frida, Aurangzeb,
Moin, Nusrat und viele andere aus dem kleinen
Ort Nakker im pakistanischen Teil Kaschmirs
in meinen Traeumen. Jetzt ist Winter dort oben,
es schneit und vieles wird jetzt wahrscheinlich
nocht haerter, kaelter, trostloser.
Ich war sehr aufgeregt auf der langen Fahrt
von Islamabad nach Kaschmir: Was kann ich diesen
Kindern und Frauen schon geben? Wie soll ich
mich verstaendigen? Warum fahre ich in dieses
Erdbebengebiet? Um danach angeben zu koennen?
Um sehen, wie das Leben nach einer Katastrophe
aussieht? Um meine eigenes schlechtes Gewissen
zu beruhigen? Oder ist da doch eine kleine,
leise, innere Stimme, die mir sagt, dass ich
das einfach tun muss? Ich wusste und weiss es
immer noch nicht.
Die ersten Tage verbringe ich damit, mich bei
den Frauen und Kindern vorzustellen, zu versuchen,
mir ihre Namen zu merken und zu erklaeren, warum
Peter, Jakob, Safdar, Andreas und ich hier sind.
Die Kinder sind offen, zeigen mir ihre zerstoerten
Haeuser und erzaehlen mir viel. "All our
houses are destroyed, but not the houses of
the chicken. And there just died 2 hens."
Und zu jedem Haus sagen sie die Zahl der Toten
dazu - ganz selbstverstaendlich und mir scheint,
als ob ihnen all das Geschehene noch sehr nahe
ist.
Vielen Kindern scheint langweilig zu sein, irgendwie
erscheinen sie mir verloren. Einerseits leben
sie im Moment in einer Ausnahmesituation: Sie
leben mit ihren Familienmitgliedern auf engstem
Raum in diesem Zeltdorf, sie gehen nicht regelmaessig
in die provisorische Schule, haben keinen ruhigen
Platz, keine Toiletten. Ihre Eltern stehen immer
noch unter Schock, weinen, sind verzweifelt
und koennen den Kindern in dieser Situation
auch oft nicht die noetige Sicherheit geben.
Andererseits hat sich im Zeltlager schon eine
Art Alltag eingestellt: Aufstehen, fruehstuecken,
Holz holen etc. und vor allem die Maedchen muessen
ihren Muettern sehr viel helfen.
So leben diese Kindern im Momenten zwischen
diesen beiden Extremen und viele erscheinen
mir ein bisschen orientierungslos. Manche sind
sehr aggressiv und nur mit Mueh und Not gelingt
es mir, manchen Streit, manche Schlaegerei zu
schlichten. Auch innerhalb der Familien wird
viel geschlagen...
Ich versuche, die Kinder aus ihrer Langeweile
herauszuholen und spiele mit ihnen Kaschmiri-Spiele
und oesterreichische, manchmal sogar Cricket.
Ausserdem beginne ich mit ihnen, den Muell zu
sammeln und eine Gemeinschaftsmuellverbrennungsstelle
zu bauen.
Neben Reden, Dasein, Zuhoeren, Mir-ihre-zerstoerten-Haeuser-Ansehen,
konzentriere ich mich mit den Kindern besonders
auf Malen: Durch meine Erfahrung in diesem Bereich,
weiss ich, dass das Malen vielen Kindern dabei
hilft, ihre Gefuehle, Aengste, Aggressionen
auszudruecken, gerade in einer Zeit, wo die
Erwachsenen so mit sich selbst beschaeftigt
sind. Malen heisst auch, etwas selbst zu gestalten
und zu schaffen. Ich habe die Hoffnung, dass
unser Konzept aufgeht und die Kinder Freude
am Malen haben.
Ich suche einen geeigneten Platz und verteile
die mitgebrachen Wasserfarben, Pinsel und das
Papier: Die Kinder beginnen sofort zu malen,
manche singen leise vor sich hin und lachen.
Und alle Alterstufen, von 2 bis 18 Jahren, sind
dabei.. Ich freue mich. Und was malen sie? Haeuser
mit schoenen Gaerten, vielen Zimmern, schmuckvollen
Tueren und ihren Familien....
Am ersten Maltag reicht die Geduld nicht lange,
beinahe bricht ein Pinsel-Farben-Papier-Styropor-Chaos
aus - kein Wunder, die Kinder sind es nicht
mehr gewoehnt, laenger bei einer Sache zu bleiben
und in der Schule wird die Kreativitaet auch
nicht gerade gefoerdert.
Von Tag zu Tag werden sie ruhiger beim Malen
und nehmen sich Zeit. Die Motive bleiben dieselben.
Zum Schluss haengen wir die Bilder auf einer
Schnur zwischen zwei Baeumen auf: "Unsere
Galerie" und jedeR kann sie sehen! Ich
habe den Eindruck, dass die Maedchen und Buben
stolz auf ihre Werke sind.
Mit den Frauen sitze ich beim Feuer, spreche
mit ihnen in einem Urdu-Englisch-Handzeichen-Mix,
versuche zu erfahren, wie es ihnen geht und
was sie brauchen. Manchmal weinen wir gemeinsam
- die Trauer um das Verlorene, die Verstorbenen
und all das Zusammengebrochene begleitet die
Frauen in Nakker den ganzen Tag. Auch wenn sie
es sind, die durch ihre taeglichen Arbeiten
wie Kochen (am Feuer, mit nur wenigen, wiederausgegrabenen
Kuechenutensilien), Waeschewaschen (an der kleinen
Quelle, mit Seife und Buerste), Wassertragen
(in grossen Blechbehaeltern am Kopf), Kinderversorgen
und Aufraeumen den so wichtigen Alltag wieder
zurueck ins Zeltlager bringen.
Der Winter und die Kaelte machen ihnen Angst,
sie versuchen, so gut es geht, die Maenner beim
Unterkuenfte-Bauen zu unterstuetzen. So mancher
meterlanger Holzbalken wird von den Frauen auf
dem Kopf ins Lager getragen...
Die Maenner arbeiten an den sheltern, mit der
Hilfe von Peter, Safdar und Jakob werden sie
jeden Tag selbstaendiger und erkennen, dass
sie selbst es sind, die ihre Unterkuenfte bauen
muessen, bevor der Schnee kommt. Die Maenner
behandeln mich respektvoll, sie starren mich
nicht an und ich kann ganz normal mit ihnen
sprechen - das macht die Zusammenarbeit angenehm
und ich fuehle mich wohl.
Es gibt Wunden an Beinen, Haenden, Fuessen,
eitrige Geschwuere im Gesicht, Ausschlaege -
ich versuche mit Peters Hilfe, diese zu behandeln
und gemeinsam geben wir unser Wissen (und einen
eigenen Verbandskasten) an eine junge Frau,
Sanam, weiter, damit sie diese Aufgabe nach
unserer Abreise uebernehmen kann. Sie stellt
sich geschickt an und wird von den anderen ernstgenommen.,,
"doctor-curi"...
Peter, Safdar und ich organisieren 3 "meetings"
mit den Frauen und ein paar jungen Maennern,
wo wir Informationen zu den Themenbereichen
Hygiene (Muell- und Toilettenproblem, Koerperpflege,
Kraetze und Laeuse etc.), Wundversorgung und
Psychologie (Schock, Depression, Weinen etc.)
geben und mit den DorfbewohnerInnen diskutieren.
Vieles wissen sie selbst und doch habe ich den
Eindruck, dass sie gerne v.a. ueber die psychischen
Probleme nach dem Erdbeben sprechen.
Der Kontakt zwischen mir und den Frauen und
Kindern wird immer enger, manchmal haette ich
gerne einen Platz, wohin ich mich fuer ein Weilchen
zurueckziehen koennte - die Zeltwaende sind
aber duenn und das Allein-Sein ist fuer die
Kaschmiris eher unueblich. Hin und wieder muss
ich die Kinder stoppen, manche laufen mir den
ganzen Tag hinterher und wollen von mir unterhalten
werden. Gerade dann, wenn ich das Gefuehl habe,
"ausgesaugt" zu werden (und das kommt
in so einer Ausnahmesituation manchmal vor),
ist es wichtig, wieder kurz Kraft zu tanken
und alleine zu sein oder Zeit mit Jakob, Safdar
und Peter zu verbringen.
Nach 8 Tagen bin ich muede, erschoepft und merke,
dass ich jetzt wieder fahren muss... Der Abschied
faellt mir schwer, ich weine mit den Frauen
und Kindern und umarme sie noch einmal - ich
weiss nicht, ob ich wiederkommen kann und will.
Trotzdem bin ich den Kindern, Frauen und Maennern
in Nakker dankbar, ich habe so vieles in diesen
8 Tagen gelernt und ich werde ihre Gesichter
und Geschichten nicht vergessen.
Joanna Egger
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